Zu früh gefreut

So schön es ist, dass SPON jetzt die Schlagzeile “Das Regime wird stürzen” bringt, so unerfreulich ist es, wenn dann ein Interview mit dem Reformgeistlichen Mohsen Kadivar geführt von Erich Follath folgt.

Nach einer längeren Lobhudelei auf den vor kurzem verstorbenen Kleriker Montazeri (“der wichtigste Mensch in meinem Leben”), dessen dunkle Seiten von seinem Schüler Kadivar natürlich nicht angesprochen werden, beschwört er die Einheit der religiösen und säkularen Opposition. Leider verabsäumt Follath es hier nach möglichen Zielkonflikten zu fragen.

Überhaupt laden Kadivars Aussagen sehr zum Nachhaken ein.

Sie haben recht, der schiitische Gottesstaat in seiner bisherigen Form ist gescheitert- was ja keiner so unmissverständlich ausgesprochen hat wie mein Lehrer in den vergangenen Monaten. Übrigens hatte Großajatollah Montaseri schon bei seinem Zerwürfnis mit Chomeini drei Monate vor dessen Tod 1989 gesagt: Dieser Staat ist so ganz anders als der, den wir uns erträumt, auf den wir hingearbeitet haben.

Um dann nachzuschieben:

Aber versagt hat nicht der Islam, sondern eine besondere Interpretation des Islam.

Immerhin bringt Follath jetzt die Frage aufs Tapet, ob den nicht vielleicht ein demokratischer Staat eher das Ziel der Menschen auf den Straßen ist als eine irgendwie geartete Theokratie. Das schmutzige Wort “säkular” kommt ihm dabei allerdings nicht über die Lippen. Kadivar schwurbelt als Antwort munter drauf los:

Sicher wollen das einige, wie viele, das weiß ich nicht. Noch haben wir in Iran keine Revolution. Allerdings wird die Opposition bei der Formulierung ihrer Ziele immer klarer, immer waghalsiger. Und trotzdem: Wir sollten Geduld haben. Ich weiß nicht, wann genau, aber ich bin überzeugt: Das Regime wird stürzen.

Aha. “Einige” wollen vielleicht doch keinen Gottesstaat, im Iran gibt es noch keine Revolution, trotzdem wird das Regime stürzen, aber nur mit Geduld. Hauptsache man ist überzeugt, auch wenn man nichts weiß. Darin müssen Geistliche wahrscheinlich gut sein.

Sehr viel deutlicher wird Kadivar, wenn es um Sanktionen geht: Das ist nicht der richtige Weg.

Zuletzt erfahren wir noch, dass er bei sich zu Hause das Chomeini-Bild “längst” abgehängt hat und stattdessen auf Koranverse als Innendeko setzt. Ob sich die Iraner mit einer ähnlich halbherzigen Umstrukturierung des politischen Systems zufriedengeben werden sei hier einmal dahingestellt.

Fazit: Bei SPON weiß man jetzt, dass es in Iran nicht nur um “Krawalle” geht – das ist gut. Wenn man jetzt noch die richtigen Interviewpartner auftut, dann könnte die Berichterstattung doch noch lesenswert werden.

crossposted auf fdog

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