Gastbeitrag von Tjark Kunstreich
Zur plötzlichen Solidarität mit der iranischen Protestbewegung
Die Solidaritätsbekundungen von prominenten linken Intellektuellen, die in den letzten Tagen erschienen sind, kommen angesichts ihrer bislang weitgehend unkritischen Haltung gegenüber dem Regime der Islamischen Republik ziemlich überraschend. Aufgefallen waren sie bislang eher dadurch, das iranische Regime mit dem Kampfbegriff „Islamophobie“ gegen Kritik zu verteidigen und die Unterdrückung der Frauen und die Verfolgung von Homosexuellen mit kultursensiblem Schweigen zu übergehen. Doch plötzlich scheint sich die Projektion autoritärer Sehnsüchte auf die Verhältnisse im Iran, die keine geringe Bedeutung für deren Stabilisierung gehabt hat, in Luft aufgelöst zu haben; als wäre vorher nichts gewesen, unterstützen von Judith Butler bis Slavoj Zizek alle die Protestierenden auf der Straße. Die Solidarität, die ihnen zuteil wird, ist jedoch alles andere als bedingungslos. So ist im Aufruf von Zizek, Butler, Noam Chomsky und ungefähr 130 anderen postkolonialen Intellektuellen, der im Internet kursiert, eine implizite Warnung enthalten: „Jahre der auslandsgeförderten Demokratie-Werbung in verschiedenen Teilen der Welt haben dazu beigetragen, gegenüber Bürgerbewegungen, die einen Anspruch auf direkte demokratische Legitimation erheben, eine wohlbegründete Skepsis zu verbreiten.“ (http://www.ireport.com/docs /DOC-277500) Dieser Aufruf verweist in erster Linie auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, jene reaktionäre Formel, die ansonsten zur Verteidigung Ahmadinedschads und anderer Menschenschlächter zur Anwendung kommt. Diesmal kommt sie angereichert mit der Abgrenzung daher, die Bewegung solle sich nicht zu pro-westlich geben, um nicht jene „wohlbegründete Skepsis“ zu rechtfertigen – eine Skepsis mithin, die antidespotische Bewegungen gemeinhin bei jenen hervorrufen, die um ihre Macht fürchten müssen – so viel zum „Sprechort“ der Unterzeichnenden. Am islamischen Charakter der Herrschaft soll sich nichts ändern, ist die Botschaft – so viel zu ihrem Begriff von Selbstbestimmung. Den Rest des Beitrags lesen »