Die Krux mit den Verschwörungen

Die Geschichte ist so alt, wie die der modernen Diktatur selbst: Wenn es im Gebälk kracht oder Kritik laut wird, liegt dies nicht etwa am Diktator oder der Verfasstheit der Diktatur – beide sind per se unfehlbar, sondern an trüben Kräften, Verschwörern und fünften Kolonnen, die sowohl von außen, wie innen versuchen, das System zu destabilisieren. Man kennt es zur Genüge und dieses Prozedere wiederholt sich mit öder Regelmäßigkeit seit Jahrzehnten.

Zur wirklichen Meisterschaft hat Stalin es gebracht, der ständig seine Land und den Sozialismus vor perfiden Verschwörungen schier unglaublichen Ausmaßes retten musste. Das nannte sich dann „große Säuberung“. Die irakische Baathpartei erreichte eine fast ähnliche Meisterschaft mit ihren Kampagnen gegen zionistische Verschwörer in den 60er und 70er Jahren.

Nur: wenn das Land so tief durchdrungen ist, dass Verschwörer unmittelbar davor stehen, die Macht an sich zu reißen und schon tief in die Institutionen eingesichert sind, und nur der revolutionäre Ausnahmezustand und die unvergleichliche Wachsamkeit der Führer das Schlimmste verhindern konnte – dann müssen in der Folge Köpfe rollen. Das erfordert die Konsequenz dieser irren Logik, die zur Genüge untersucht worden ist, sei es, um nur zwei Beispiele zu nennen, von Hannah Arendt oder Kanan Makiya

Nahe liegend also, dass es sich bei den Protesten und Ereignissen im Iran in den letzten Wochen auch nur um eine Verschwörung, zumindest aber um die Taten ausländischer Mächte und Agenten handeln konnte. Eigentlich sind die ja auch zur Genüge bekannt: Juden, Israel, Amerika, die Ungläubigen, der Westen, der Liberalismus und England. So wurden sie im Laufe der Zeit auch alle irgendwann einmal erwähnt. Nur die konsistente Erzählung fehlte. Mal hieß es die Mujaheddin Kalk steckten hinter den Demonstranten,  dann war es England, schließlich die BBC. 

Das alles kommt nicht gut, wirkt, wenn es nur wiederholt wird, ohne dass dabei revolutionärer Terror entfesselt wird, nach einiger Zeit lächerlich. Und vor diesem Problem stehen sie gerade im Iran: denn würde man die vermeintliche Verschwörung zu sehr aufblasen, gäbe man eine gewisse eigene Schwäche zu. Die Frage drängte sich auf: wie konnte es kommen, dass die Zionisten und/oder CIA den halben iranischen Staat unterwandert haben? Das wäre nur auf eine sehr schlechte Arbeit und/oder Unterwanderung der Geheimdienste rückführbar, deren Führer ergo verhaftet und abgeurteilt werden müssten.

Der BBC wiederum die Schuld anzulasten überzeugt auch nicht wirklich. Zuzugestehen, dass keine feindlichen Kräfte am Werk sind, sondern der ganze Schlamassel mehr oder minder hausgemacht ist, geht natürlich auch nicht. 

Khamenei (Leader.ir) schlug heute einen neuen Gegner vor: international devils. Das zumindest klingt originell. Eine Verschwörung internationaler Teufel, nicht nur des Hollenfürstens, nein gleich ganz vieler. Damit kommt man auf eine neue spirituelle Ebene, die dem spirituellen Führer auch irgendwie adäquat ist. Nur, nächste Frage: wie bekämpft man die? Helfen Bassiji Milizen da noch weiter? 

Einer der’s wissen muss, weil’s sein Beruf ist, ahnt, dass man so nicht weiterkommt und bringt nun doch wieder die üblichen Verdächtigen ins Spiel

Iran’s Intelligence Minister has dismissed claims of vote-rigging in the presidential election, blaming the US and Israel for the spread of such rumors among the people.  (…) He said the nation’s enemies conspired several months before the presidential election to stir unrest in the country and dissuade the Iranians from voting.  

„Americans and Zionists sought to destabilize Iran … they were upset with a stabilized and secure Iran … even months before the election they started to talk about the possibility of vote-rigging in the election and they continued the course following the vote,“ Ejei said.  

He said the Iranian intelligence services were aware of US and Israeli plots to mar the election months before the vote, adding that Iran foiled some assassination attempts masterminded by Washington and Tel Aviv. 

Man hört es aber auch förmlich, sein Dilemma: Wenn er’s wusste, warum hat er dann die Proteste nicht verhindert? Wo sind die Verhafteten? Wo die Geständnisse, Dokumente und all der übliche Trara, den sie sonst immer parat haben?

Der gute Mann muss nämlich selbst aufpassen, nicht seinen Job zu verlieren. Denn wie man es dreht und wendet: Er hat versagt, in der irren Logik der Verschwörungstheorien ebenso wie angesichts der für ihn bitteren Realität von Massenprotesten. 

Noch einmal: die Erzählung von der ganz großen Verschwörung macht nur Sinn, wenn man bereit- und in der Lage ist, danach eine Terrorwelle auch gegen Getreue des Regimes loszulassen. Das aber sind sie momentan in Teheran offenbar (noch) nicht. 

Und deshalb kommen ihre Verschwörungstheorien als das rüber, was sie sind. Von außen gesehen: irres Gerede von Paranoikern, die sich täglich lächerlicher machen. Von innen: Ein Zeichen von Schwäche und Uneinigkeit. 

Wie es momentan aussieht wird es dem iranischen Establishment in absehbarer Zeit nicht gelingen, dieses Dilemma aufzulösen. Und den Juden deshalb die Schuld zu geben hilft (diesmal) auch nicht weiter.

Veröffentlicht in Hintergrund. 2 Comments »

2 Antworten to “Die Krux mit den Verschwörungen”

  1. Andre Says:

    Ahmadinejad, siegessicher wie er sich war, gab es ja bereits bei der Pressekonferenz auf die Frage Amanpours indirekt mit seinem „soccer match“-Vergleich zu: „Even in a soccer match people may become excited“. Was im Grunde genommen nichts anderes heisst, als dass sie passiv waren, zuschauen durften, keinen Einfluss auf den Verlauf der Wahl geschweige denn auf das Ergebnis hatten.

  2. Stoff für’s Hirn! « abseits vom mainstream – heplev Says:

    […] Jaja, die Verschwörungen gegen den Iran – dass es da einige Unstimmigkeiten im Verschwörungsgefüge gibt, hat Thomas von der Osten-Sacken festgehalten. […]


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