Regimepropaganda mal anders bei „Irananders“

Die Propagandamaschine der „Islamischen Republik Iran“ hat sich bisher nicht gerade durch subtiles Vorgehen ausgezeichnet, allerdings ist nach den Wahlen 2009 die Zauberformel des „soft war“ gehäuft bei Regimevertretern aufgetreten. In diesem Zusammenhang dürfte dem einen oder anderen Lobredner der „Islamischen Republik“ aufgefallen sein, daß mit bizarren Meldungen zwischen Holocaustleugnung und Wunderwaffenankündigungen alleine die Außenwirkung des Regimes im Westen nur doch nur sehr beschränkt positiver auszugestalten ist. Den lunatic fringe der Antisemiten, Verschwörungstheoretiker, Kulturenthusiasten und Antiimperialisten hat man sowieso auf seiner Seite, aber an dem Umstand, daß sich das Image der „Islamischen Republik“ seit letztem Jahr noch einmal rapide verschlechtert hat, läßt sich mit solchem Personal nicht wirklich etwas ändern. Sondern eher im Gegenteil.

Wie man außerhalb des Kreises der üblichen Verdächtigen etwas erfolgversprechender für das Regime werben möchte, demonstriert die Seite irananders mit dem Logozusatz „Kontrastreich & Differenziert“, die seit Jahresanfang aktiv ist. In der Selbstbeschreibung ist zu lesen:

Wir sind ein Verein von Wissenschaftlern, die nach den Ereignissen der iranischen Wahlen 2009 schnell einig wurden, dass eine hohe Anzahl an Berichterstattungen, politischen Analysen und Expertisen über den Iran einseitig geprägt ist. Diese Ausrichtung hindert die Formulierung einer effektiven Politik gegenüber dem Iran. Neben den zahlreichen Konflikten, die durch genaue bi-perspektivische Betrachtung oft substanzlos und künstlich sind, gibt es eine Reihe von überschneidenden Interessen, Gemeinsamkeiten und Berührungspunkten zwischen Deutschland, dem Westen und dem Iran.

Der differenzierende Blick auf den Iran soll vor allem die Theologie und „die Religiösen“ mit in Betracht ziehen: Da die islamische Republik sich als religiös-schiitischer Staat basierend auf der Zustimmung der religiösen Massen versteht, ist es nahezu immanent, dass die politischen Interpretationen und Analysen, bewirkt durch fehlendes theologisches Profil, defizitär sein müssen. Andererseits ist die befangene und parteiische Verherrlichung des islamistischen Regimes fern von der Objektivität. Bei Irananders wirkt, neben dem theologischen Fundus, die politikwissenschaftliche Disziplin mit, welche interdisziplinär versucht, die Wirklichkeit  der dynamischen iranischen Gesellschaft, des Herrschaftsmodells der Islamischen Republik, sowie ihre innen- und außenpolitischen Staatshandlungen bestmöglich herauszukristallisieren.  Stützend hierauf kann eine fruchtbare Politik im Interesse Deutschlands, des Westens und der iranischen Zivilgesellschaft formuliert werden.

Knackiger ist die Kurzfassung: Iran ist kurios, dubios, antagonistisch, pluralistisch, inhomogen und heterogen. Iran ist anders. Da „Irananders“ ist, sind Differenzierungen, Kontraste und Bi-Perspektiven in der Iran-Debatte desto unentbehrlicher. Zwischen Moderne und Tradition sucht das Land eine Synthese für die Zukunft. Wir sind bestrebt den Iran-Diskurs zu bereichern und zu befruchten.

Die akademische Sprache wirkt an einigen Stellen einen Tick überbemüht, und daher noch leicht ungelenk, aber die Stichworte stimmen: Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Dynamik, Interdisziplinarität, Pluralität und – besonders poetisch – „Bi-Perspektiven“ Und befangen und parteiisch ist man auch nicht. Es geht ausdrücklich nicht um Verherrlichung des „islamistischen Regimes“. Aber um was sonst?

Die Narration der großen Erzählung von „irananders“ läßt sich so zusammenfassen:

Man hat im Westen versäumt, zwischen der Protestbewegung im Iran (die auch gar nicht geleugnet wird) und den iranischen Exilanten zu unterscheiden. Letztere haben nur ein paar radikale Anhänger im Iran selbst, wo die große Protestbewegung längst gescheitert ist, die wiederum nicht das System in Frage stellen wollte, sondern nur Ausdruck gewisser Unzufriedenheiten war. Mangelnde wissenschaftlich-theologische Kenntnisse der westlichen Beobachter hätten dabei zu dem Fehleindruck geführt, es gäbe einen Dissens innerhalb des Klerus, überhaupt alle diese falschen Eindrücke des Westens lassen sich (im Zeichen der Bi-Perspektiven?) mit profunder Sachkenntnis auflösen: Die Revolutionsgarden haben gar nicht den Einfluß in der Wirtschaft, den man ihnen zuschreibt, der Menschenrechtsbericht von Amnesty International ist „überzogen“ – aber auch das wird in der Überschrift mit Fragezeichen formuliert – usw. Und dann, tja, das „Problemfeld Steinigung“.

Ein Auszug aus dem Problemfeld: Nichts trennt das islamische (und übrigens auch katholische) Gedankengut von der modernen westlichen Gedankenwelt mehr als die Sexualmoral. Der Koran nennt das Ehebrechen abscheulich, im Westen wird es bisweilen in einschlägigen Fachmagazinen als förderlich für die Ehe betrachtet. Die einen sehen es als Todsünde, die anderen als natürlich und gesund, die – wie manche Wissenschaftler behaupten – in der Evolution begründet ist. […]Eine Verständigung zwischen einer durch und durch kommerzialisierten Welt und einer Welt, die darüber hinaus andere „Ideale“ anstrebt, gestaltet sich per se sehr schwierig. Hinter der Problematik Steinigung verbirgt sich die Problematik Sexualmoral und drakonische Strafe,  dahinter verbirgt sich die Problematik Individualismus, Liberalismus und Relativismus und dadurch im weitesten Sinne der Materialismus und Kommerzialismus, der den aktuellen Humanismus prägt und bewirkt. Eine Verständigung in der Sexualmoral scheint schier unmöglich. Selbst Katholiken wenden sich in dieser Thematik gegen ihre eigene Kirche. Deshalb ist ein Dialog über das emotionsgeladene Thema Steinigung noch unvorstellbarer.

Nebelkerze um Nebelkerze wird da geworfen, bis man gar nicht mehr weiß, daß es hier um das staatlich sanktionierte Totwerfen von Menschen mittels Steinen geht, aber dann wird es doch konkret und gleich auch etwas unfreiwillig komisch:

Aufgrund obiger Konstellation kommt es seit dem unverbindlichen Moratorium von 2002, das noch heute gültig ist und vom Oberhaupt der Justiz aufgelegt wurde, ziemlich selten zu Steinigungen. Seit dem fanden nachweislich fünf Steinigungen statt. In einem Fall konnte der Gesteinigte sich aus der Grube retten und wurde freigesprochen. Er hatte sich nämlich selbst angeklagt. In einem anderen Fall wurde die Steinigung illegal durchgeführt, da das Oberhaupt der Justiz einen Aufschub angeordnet hatte. In den drei Fällen gab es zugleich auch Urteile über andere Delikte wie Mord (wie im aktuellen Fall von Mohammadi Aschtiani). Und in allen fünf Fällen handelte es sich ausschließlich um Männer. Es ist also mitnichten so, dass Frauen im Iran vermehrt gesteinigt werden; ein typisches Klischee im Westen über den Orient, das auch auf den Iran angewendet wird. Zwar erhielten in den letzten Jahren mehr Frauen das Urteil zur Steinigung, aber anders als die Männer erhielten sie ausnahmslos Amnestie. In einem Fall, wo ein verheirateter Mann und eine verheiratete Frau miteinander Ehebruch begingen, wurde der Mann gesteinigt, aber die Frau begnadigt.

Die Tonlage allerdings ist für die Apologeten des Regimes neu; auf „irananders“ werden zu offensichtlich plumpe oder schrille Töne vermieden, Kritikpunkte und Vorwürfe werden angesprochen und in scheinbar rein sachlicher, argumentativer Auseinandersetzung „widerlegt“. Noch auffälliger ist, daß das Thema Israel praktisch nicht vorkommt, angesichts des sonstigen Stellenwertes des Themas in der iranischen Propaganda ein echtes Novum.

Die „Wissenschaftler“, die sich bei „irananders“ zusammengefunden haben wollen, reduzieren sich bei näherem Blick auf die wenigen Verfassernamen der Beiträge auf Shayan Arkian, der Ende letzten Jahres als Mitautor des notorischen Iranbuches von Jürgen Elsässer aufgetaucht ist, und dort als Islamexperte, Publizist und studierter Theologe aus Qom firmiert. Die anderen „Verfasser“ tauchen bei einer Websuche ausschließlich im Bezug zu „irananders“ auf, was für Wissenschaftler doch etwas seltsam scheint.

Die professionell gestaltete Seite, zu der auch ein eigener Youtube channel gehört, scheint sich bisher darauf zu konzentrieren, daß Arkian und ein weiterer Beiträger sich zu allen möglichen Iranbeiträgen als elektronische Leserbriefschreiber betätigen und auf die vorgeblich sachlichen Analysen von „irananders“ hinweisen. Die Sphäre der einschlägig Abwegigen wird dabei nur gestreift – bei CASMII ist auch etwas zu finden –, offensichtlich will man auf die sog. Mainstreammedien einwirken. (z.B. hier)

Bisher scheint das jedoch nicht sonderlich erfolgreich, es sind dort in den Foren auch wieder nur dieselben Irrläufer, die die Hinweise aufnehmen. Auch wenn man klingen will wie Elsässer ohne Schaum vor dem Mund, es macht Regimepropaganda nicht wirklich appetitlicher.

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4 Antworten to “Regimepropaganda mal anders bei „Irananders“”

  1. Kritisches aus Bielefeld « FREE IRAN NOW! Says:

    […] spekuliert das Teheran-freundliche PR-Portal http://www.irananders.de unterdessen über möglicherweise segensreiche Wirkungen einer […]

  2. Einberufung des Volkssturms für die Lobbyarbeit « FREE IRAN NOW! Says:

    […] ein mehr ambitioniertes als erfolgreiches Propagandahilfswerk für die „Islamische Republik Iran“ gibt die Errichtung eines vermutlich auch sehr […]

  3. politrucLe Mec Says:

    Das habe ich als Reaktion auf einen anderen Artikel dieser Seite gelesen. Ich finde das ziemlich passend 🙂 :

    Piechas Zionisten Puff Sagt:
    26. Januar 2011 um 07:04

    Als bezahlte Hasbara-Nutte ist man natürlich legitimierter.
    Antworten

    Le Mec Sagt:
    4. April 2011 um 15:16

    Herrlich 🙂

  4. Khashtrapavan Says:

    Ich habe da schon meine Meinung kund getan.


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