Die kluge Politik des deutschen Qualitätsfernsehens

Heute kam es von irgendwoher: ein ominöses grünes Licht, denn plötzlich wird über die zwei deutschen Staatsgeiseln im Iran auf allen Kanälen berichtet. Dem mäßig interessierten Fernsehzuschauer dürfte die Nachricht allerdings dann doch etwas seltsam vorgekommen sein: aha, da sitzen also zwei deutsche Journalisten seit elf Wochen im iranischen Knast und ich erfahre das jetzt erst.  Denn selbst an Weihnachten, wo man hierzulande doch gerne allem und allen gedenkt, wurden die beiden mit keinem Wort auch nur erwähnt.

Für’s öffentlich-rechtliche Fernsehen,  also den deutschen Qualitätsjournalismus schlechthin, eine schwierige Aufgabe:  Wie das jetzt handhaben, wie kommentieren?

Bei der Tagesschau also ein klarer Fall für Ulrich Pick, der gleich mal im ersten Satz Marcus Hellwig und Jens Koch eine gewisse Mitschuld für ihre Verhaftung gibt:

Um eines gleich vorweg zu sagen: Die Reise der beiden deutschen Reporter in den Iran war ein Unterfangen, bei dem bewusst mit dem Feuer gespielt wurde. Kein erfahrener Journalist fährt in die Islamische Republik, um dort ohne Pressevisum und Akkreditierung – sozusagen auf Schleichwegen – eine Geschichte zu recherchieren, die weltweit für Empörung gesorgt und das dortige Regime einmal mehr in Misskredit gebracht hat. Ein solches Unterfangen bringt nicht nur die eigene Person in Gefahr, sondern auch die entsprechenden Gesprächspartner. Zudem erschwert es das Arbeiten aller anderen journalistischen Kollegen im Iran.

Damit erklärt Kollege Pick  dankenswerterweise gleich erstmal über die Arbeitsgrundlage seiner Anstalt auf: immer mit Pressevisum und ganz legal! Dass guter Journalismus nicht so funktionieren kann, wenn es um Folterstaaten wie den Iran geht, wen kümmert’s? Und welche Kollegen im Iran meint Pick eigentlich? Internationale Journalisten, die von dort noch irgendwie berichten können, gibt es im Iran seit Juni 2009 so gut wie keine mehr. Und die iranischen Kollegen, die nicht für Staatsmedien arbeiten, müssen eh täglich um ihr Leben bangen.

Aber Pick sieht, der Ausgewogenheit sei Dank, auch eine gewisse Mitschuld bei iranischen Behörden:

Diese Leichtsinnigkeit, die in eine mittlerweile elf Wochen anhaltende Haft mündete, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Iran die beiden verhafteten deutschen Reporter vorführt und auf ihre Kosten Politik betreibt.

Gut, wir lassen uns nicht täuschen. Und:

Die Lage ist also festgefahren. Vielleicht sollte man deshalb die Idee des Unionspolitikers Ruprecht Polenz aufnehmen und den Fall der beiden Deutschen zu einer Angelegenheit der EU machen. Gleichzeitig sollte man sich aber darüber im Klaren sein, dass mehr Öffentlichkeit in diesem Fall nicht unbedingt eine schnellere Freilassung bedeutet. Allerdings scheint die bisherige, kluge Berliner Politik der stillen Kommunikation mit Teheran an ihre Grenzen gestoßen zu sein.

Genau: nach dem Totalversagen  der deutschen Politik delegieren wir die Angelegenheit nun nach Brüssel, dort ist sie wahrhaft gut aufgehoben, und wenn weiter nichts geschieht, sind wir wenigstens die Verantwortung los. Und dann können wir weiter der Welt erzählen, bislang hätte es sich bei der peinlichen Angelegenheit nicht um Appeasement und Leisetreterei gehalten, sondern „kluge Berliner Politik“.

Und Öffentlichkeit, nein das schadet nur. Genau deshalb haben Pick und all seine Kollegen in den deutschen Journalistenverbänden bislang auch so brav den Mund gehalten und nicht einmal an Weihnachten mit einer Anzeige in großen Tageszeitungen an das Schicksal der beiden Journalisten erinnert und deren sofortige und bedingungslose Freilassung gefordert. Was auf den ersten Blick nur wie ein schnödes Im-Stich-lassen aussieht, war in Wirklichkeit nämlich auch kluge Politik. Den Rest regelt dann die EU.

Man weiß doch wofür man GEZ  zahlt.

Veröffentlicht in News. 16 Comments »

16 Antworten to “Die kluge Politik des deutschen Qualitätsfernsehens”

  1. Klaus Says:

    Bemerkenswert auch, daß der Springer Konzern, für dessen BamS der Fotograf und Journalist ja unterwegs waren
    und der ja seit Jahren ausgiebige Erfahrung hat mit Kampagnen
    und Buchvorabdrucken (Peter Glotz, Rochus Misch, Thilo Sarrazin…) relativ wenig für seine Leute tut.
    http://www.bild.de/BILD/politik/2010/12/29/iran-inhaftierte-bams-reporter/deutsche-journalisten-treffen-in-taebris-ihre-angehoerigen.html

  2. Klaus Says:

    ansonsten der Mann schreibt sich Pick und ist als ARD Korrespondent auch für Deutschlandfunk/Deutschlandradio tätig
    http://tinyurl.com/2asrgdn

    • Bernd Dahlenburg Says:

      ansonsten der Mann schreibt sich Pick und ist als ARD Korrespondent auch für Deutschlandfunk/Deutschlandradio tätig

      —————-
      @Klaus

      na schön, dass sie auch noch in besserwisserischer Art Tippfehler aufzählen (übrigens mittlerweile politisch korrekt von mir berichtigt).

      Für Deutschlandfunk/Deutschlandradio berichten beinahe tagtäglich Judenhasser wie Bettina Marx, Clemens Verenkotte, Sebastian Engelbrecht, Carsten Carsten Kühntopp u.a.

      Ist das die Art von Qualitätsjournalismus, die Sie bevorzugen, sehr verehrter „Herr“ Klaus?

      Nachtrag: Und dann noch mit Links vollmüllen, wie unten geschehen….

  3. Don Altobello Says:

    Schönen Dank, dass Sie hier das sagen, was mir gestern beim Hören dieses Kommentars auch durch den Kopf gegangen ist. Ich hätte kotzen können vor so viel mangelnder Solidarität mit den Kollegen, Unkenntnis über die Lage im Iran und der typisch deutschen Klugscheißerei. Aus einem schönen, warmen WDR-Studio heraus lässt es sich auch bequem rumschlaumeiern. Wäre ich ein Angehöriger der beiden inhaftierten Journalisten, ich wäre vor Wut geplatzt. Kein Vergleich zu dem, was in Frankreich abgeht, wenn ein französischer Journalist im Ausland inhaftiert wird. Der Herr Pieck ist ein abgehalftertes Kameradenschwein, wenn ich das mal so ausdrücken darf.

    • Bernd Dahlenburg Says:

      Ich hätte kotzen können vor so viel mangelnder Solidarität mit den Kollegen, Unkenntnis über die Lage im Iran und der typisch deutschen Klugscheißerei.

      Gut getroffen!

  4. Benno Says:

    Dazu gibt´s wirklich nur eins zu sagen: wer nach allem, was dieses Jahr in den Veröffentlicht-Unrechtlichten passiert ist, immer noch an Sinn und Zweck der GEZ-Gebühren glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen. Diese Sender sind längst zu Hofnarren verkommen. Der sogenannte „Informations-“ und „Bildungsauftrag“ wird längst nicht mehr erfüllt.

  5. heplev Says:

    Hey klar, in den Iran darf man als anständiger Journalist nicht under cover. Das gehört sich nicht, gefährdet andere.
    In den Südsudan auch nicht. Oder nur ganz kurz. Was ist mit Saudi-Barbaria? Nordkorea? Libyen? Kuba? Anderen kommunistischen oder muslimischen Staaten/Diktaturen? Wehe!

    Aber bei jedem Staat, den man als amerikanischen Büttel und diktatorisch betrachtet, ist das richtig, wenn nicht gar Pflicht!
    Kennen wir doch, oder?

  6. PeterM Says:

    Aha, und weil man weiß dass das ein Folterstaat ist, reist man bewusst illegal ein? Was für eine unsinnige Argumentation!

  7. aron2201sperber Says:

    die Qualitätsmedien wie die SZ sind damit beschäftigt über über Gaddafis Kampf für die Emanzipation der Frauen zu berichten:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/12/29/gaddafi-und-seine-pussy-staffel/

  8. blogwesen Says:

    Was ist denn bitte sehr wieder „Judenhass“??? Der Deutschlandfunk ist einer der wenigen Sender der kritisch über die POLITIK des israelischen STAATES berichtet…Das hat nichts mit Hass zu tun…

    Man kann ja auch gegen die iranische Politik sein, ohne das jemand impliziert, dass man aufgrund seiner kritischen Stellungnahme zur politischen Führungsriege gleich alle Iraner hasst..

    • gegenkritik Says:

      Was ist denn bitte sehr wieder „Judenhass“???

      Die Frage lässt sich am besten durch ein Beispiel beantworten:

      Der Deutschlandfunk ist einer der wenigen Sender der kritisch über die POLITIK des israelischen STAATES berichtet

      Gern geschehen.

  9. Johannes Möller Says:

    Lieber Herr v. der Osten-Sacken,

    ist es Absicht, dass Sie zuerst aus Picks Kommentat zitieren „Pressevisum und Akkreditierung“ und ihn im nächsten eigenen Satz paraphrasieren „immer mit *Touristen*visum und ganz legal“?

    Als Journalist mit einem Touristenvisum einzureisen und zu arbeiten wäre ja wohl nicht „ganz legal“.

    Viele Grüße

    JM

  10. Thomas v. der Osten-Sacken Says:

    Herzlichen Dank für den Hinweis. Nein, da ist mir ein ganz blöder Fehler unterlaufen, als ich diesen Text unter Zeitdruck runtergeschrieben habe. Und Sie sind der erste Leser, dem’s auffällt!

  11. Schmusekurs heißt jetzt Kriechspur « FREE IRAN NOW! Says:

    […] Kollegen der Staatsgeiseln, die deutschen Jounalisten? Das Peinlichste hat hier wohl die Tagesschau zustande gebracht, und auch an Weihnachten – auf FIN ist darauf […]


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