„Die ertragen es nicht, wenn junge Leute glücklich sind“

Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul, zzt. Teheran

Reportage aus dem Iran

„Die iranische Jugend will Freiheit“

Kürzlich haben sich Jugendliche im Norden Teherans zu einer „Wasserschlacht“ getroffen. Drei Stunden lang beschossen sie sich mit Wasserpistolen und hatten einen Riesenspaß. Anschließend wurden einige von ihnen im staatlichen Fernsehen als „Normbrecher“ zur Abschreckung vorgeführt. Jugendliche haben es schwer im Iran. Sie können mit dem System nur wenig oder nichts anfangen, deshalb suchen sie Freiräume – raus aus der Stadt, weg vom wachenden Auge der „Großen Brüder“, zum Beispiel in die Berge.

Das Ausflugsziel: die beliebte Tange-Waschi-Schlucht. Zu Tausenden kommen die Iraner hierher.

Ende eines Familienausflugs morgens um acht. Straßensperre im Elbrusgebirge. Die Polizei verhindert die Weiterfahrt. „Wir sind das gewöhnt“, sagt der 30-jährige Madschid. Er und seine Frau Fereschte wollen nach Tange Waschi. Das ist eine enge Wasser führende Schlucht knapp zwei Autostunden östlich von Teheran. Die Polizei hält die beiden und viele andere Ausflügler zurück. Begründung: nicht erlaubt.

„Was kannst Du gegen eine Regierung machen, die sowas tut?“, fragt Madschid. „Warten, dran bleiben, reden, verhandeln, hinterfragen – das kann man tun“, sagt Fereschte und redet auf die Polizisten ein: „Wir wollen unsere eigene Natur genießen. Wo sollen wir denn sonst hingehen? Sagen Sie’s uns und wir fahren dahin. Es gibt keinen anderen Erholungsplatz. Sollen wir etwa zu Hause bleiben? Wir investieren Geld und Zeit, um nach Tange Waschi zu fahren.“

„Fahr weiter, bleib hier nicht stehen!“, ruft ein Polizist. Die Beharrlichkeit der Ausflügler trägt erste Früchte.

Schikane kennt keine Logik

Es geht auf Mittag zu. In knapp 2600 Meter Höhe brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Das Thermometer ist auf 32 Grad geklettert. Familien mit Kindern und eigenem Pkw werden durchgelassen, Bussen müssen weiter warten. „Wir Armen kommen mit dem Bus. Die Reichen kommen mit dem Privatauto und können das jede Woche genießen, wir aber nicht. Was ist denn das für eine Logik?“, will der Maschinenbaustudent Davud wissen.

Ihm ist klar, dass er auf seine Frage keine Antwort kriegen wird.

Für diese Straßensperre und die mehrstündige Schikane gibt es keine Logik. Es gibt allenfalls religiös verbrämte Erklärungen. Deshalb probiert eine junge Frau einen anderen Dreh: Der Imam Javar Sadigh habe gesagt, man solle die Liebe der Menschen gewinnen, versucht sie den Offizier mit einem erfundenen Zitat zu überzeugen. Er lacht, alle lachen, trotz des schikanösen Wartens. Dann wird der Weg zur Schlucht für alle frei gegeben.

„Die ertragen es nicht, wenn junge Leute glücklich sind“

Schnell fließendes Wasser in einer engen Klamm. Tausende Menschen ergießen sich nach und nach in die Waschi Schlucht und waten in Turnschuhen und langen Hosen durch das kalte Wasser, das ihnen stellenweise bis zu den Oberschenkeln reicht. Schreie der Befreiung, der Erleichterung und der Freude hallen von den engen Sandsteinwänden der Schlucht wider.

Jeder genießt das, jeder mag das“, sagt Firuzeh, die sich in reißender Strömung an einen Felsen klammert. Die Freude über den Triumph der Jugend gegen den Starrsinn des Systems steht der blondierten Frau mit den blau-türkisen Augen und den auffallend rot-geschminkten Lippen ins Gesicht geschrieben. „Die mögen keine jungen Menschen. Die wollen die jungen Leute nicht hierherkommen lassen. Die ertragen es nicht, wenn junge Leute glücklich sind“, meint Firuzeh.

Keine Perspektiven mit „Herrn X“ an der Macht

Etwa zwei Kilometer ist die Waschi Schlucht lang. In der Mitte öffnet sie sich. Dort grasen Kühe, wachsen Kopfweiden und spielen junge Leute Völkerball. Einige campieren in Zelten, viele picknicken. Unter ihnen ist der 29-jährige Mohammed. Er erklärt: „Die iranische Jugend will Freiheit. Klar, jede Schicht hat eigene Vorstellungen von Freiheit. Die Studenten zum Beispiel wollen Redefreiheit, sie möchten bei der Gestaltung der Gesellschaft mitreden. Das wird ihnen verwehrt. Das schafft Probleme.“

Eines der Probleme besteht darin, dass jährlich rund 250.000 Iraner das Land mangels Perspektiven verlassen.

Darunter sind viele junge, gut ausgebildete Menschen wie Mohammed, der lange auf eine positive Entwicklung seines Landes gesetzt hat: „In den vergangenen sieben oder acht Jahren, nach der Amtsübernahme durch ‚Herrn X‘, ist alles negativ verlaufen. Ich spüre keine Verbesserung, weder für mich noch für meine Freunde. Ich sehe keinen gemeinsamen Enthusiasmus mehr für den Aufbau unseres Landes oder meines Lebens. Ich sehe für mich keine Zukunft hier.“ Wie viele vor ihm wird Mohammed versuchen, nach Nordamerika oder Australien auszuwandern.

Quelle: tagesschau.de

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