Deutscher Amtsschimmel und menschliche Schicksale

Schwebendes Verfahren

Michelle Kossel

Der Iraner und Spitzenturner Reza Abbasian aus Nenndorf möchte gern für Deutschland starten, aber die Behörden und der Turnerbund mauern.

Harburg. Reza Abbasian, 20, steht am Pauschenpferd, zieht sich an den Holmen hoch und lässt die Beine kreisen. Dann steht die Zeit für einen Moment still in der Sporthalle an der Angerstraße in Wandsbek, in der viele junge Turntalente trainieren. Die junge Frau, die auf Händen durch die Halle spaziert, hält inne, und ein kleiner Junge in weißem Turneranzug, der gerade an einem Seil hochklettert, rutscht wieder runter.

Beide schauen dem 20-Jährigen zu. Die Kinder und Jugendlichen bewundern den Nenndorfer, für sie ist er ein Vorbild. Denn Abbasian, vierfacher Deutscher Jugend-Mehrkampfmeister, beherrscht alle Übungen perfekt. Kein Zittern, keine Aussetzer stören die Performance. Auch an Reck und Ringen gibt es in seiner Klasse kaum einen anderen, der ihm etwas vormacht. Derzeit trainiert er beim Bundesligisten Kunstturnerereinigung (KTV) Straubenhardt, in der auch die Turnerstars Fabian Hambüchen und Marcel Nguyen aktiv sind.

Dafür hat er jahrelang geübt. Tag für Tag. Bereits im Alter von 14 Jahren, als er noch für den TSV Buchholz 08 turnte, galt er in der Leistungsturner-Szene als Olympia-Hoffnung. Irgendwann einmal unter den olympischen Ringen sein Können zu zeigen, ist immer noch sein ehrgeiziges Ziel. „Ich würde schon gerne in die deutsche Nationalmannschaft aufgenommen werden“, sagt er. Dabei gibt es nur einen Haken. Der Deutsche Jugendmeister ist hier in Deutschland nur geduldet. Jeweils alle sechs Monate muss der gebürtige Iraner seine Duldung bei der Ausländerbehörde im Landkreis Harburg verlängern.

Bereits seit acht Jahren ist Reza Abbasian in Deutschland, flüchtete mit seinem Vater vor dem Regime im Iran. Seine Mutter musste dort bleiben.

So fand sich der damals zwölf Jahre alte Reza plötzlich in einem fremden Land wieder, ohne Mutter, ohne Freunde, ohne Sprachkenntnisse. In dieser unsicheren Situation blieb ihm nur eines, auf das er sich verlassen konnte: sein sportliches Talent.

Bereits im Iran war er Jugendmeister, begann schon mit fünf Jahren mit dem Leistungsturnen. Deshalb konnte er in seiner neuen Heimat bei den sportlichen Anforderungen gut mithalten. Und auch in anderer Hinsicht: Der fleißige Junge lernte schnell die fremde Sprache, hatte Freunde und wurde sogar von deren Eltern unterstützt, sodass er unter anderem an Ferienfreizeiten teilnehmen konnte – was bei dem knappen Budget der kleinen Familie oft nicht möglich war.

Integration ist kein Fremdwort für Reza Abbasian. Für Ämter und Behörden offenbar schon: Während seinem Vater ein Aufenthaltstitel zugestanden wurde, ist der Asylantrag von Reza einige Jahre zuvor abgelehnt worden. Wie es in den Papieren hieß, würde ihm im Iran keine Verfolgung drohen. Das sieht Familie Abbasian anders. „Wenn meinem Vater dort Repressalien drohen, dann mir garantiert ebenfalls. Ich gehe nicht zurück, jeder weiß, wie gefährlich es im Iran unter dem Ahmadinedshad-Regime ist“, sagt der Sportler. Und überhaupt, hier in Deutschland habe er seinen Realschulabschluss gemacht, hier leben seine Freunde, sein Trainer, hier sieht er seine Zukunft. „Nicht viele Ausländer schaffen es, nach acht Jahren in Deutschland einen Schulabschluss zu machen. Ich bin nicht kriminell, nehme keine Drogen“, sagt er.

Der 20-Jährige will unbedingt eine Berufsausbildung machen. Seine Bewerbungen wären sogar erfolgreich. So hält ihm der Sponsor der KTV Straubenhardt einen Ausbildungsplatz zum IT-Systemkaufmann frei.

Auch in Harburg würde ihm die Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft (HNT) eine berufliche Perspektive bieten. „Reza Abbasian könnte hier eine Lehre als Fitnesskaufmann beginnen“, sagt Bilke Wehrs, Koordinatorin des HNT-Sportspools. Außerdem will die HNT ihn als Trainer für Jugendliche engagieren.

„Reza wird von unseren Kunstturnjungs und Mädels bewundert. Er ist diszipliniert, organisiert und verantwortungsbewusst. Alles Eigenschaften, die sich ein Arbeitgeber wünscht“, sagt sie. Deshalb seien die Vereinsmitglieder besonders betroffen, wenn ein Ausnahme-Sportler wie er Schwierigkeiten hat, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen. Gerade im Sport werde ein hohes Maß an Integrationsarbeit geleistet. Dafür hat die HNT 2009 den Harburger Integrationspreis gewonnen – eine Auszeichnung, die den mitgliederstärksten Sportverein im Hamburger Süden zum Engagement für Migranten verpflichtet. „Wir wissen, wovon wir reden“, sagt sie.

Ein Job wäre für den Nenndorfer auch von existenzieller Bedeutung. Von Einkaufsgutscheinen und zwölf Euro Taschengeld monatlich, die ihm die Behörden zubilligen, will er künftig nicht mehr leben müssen. Doch um den begehrten Ausbildungsplatz zu erhalten, benötigt er eine Arbeitserlaubnis.

„Da muss der junge Mann einen Antrag stellen. Mitwirkung ist eben auch für gelungene Integration wichtig“, sagt Georg Krümpelmann, Sprecher des Landkreises Harburg. Abbasian ist erstaunt. „Das wäre super, aber ich habe schon einmal angefragt. In einem Schreiben der Ausländerbehörde heißt es, dass ich umziehen könne, aber keine Arbeit aufnehmen dürfe“, sagt er.

Darüber geht Krümpelmann hinweg. „Es ist eben vonnöten, dass er zum iranischen Konsulat geht, um sich einen iranischen Pass zu besorgen. Wer in Deutschland eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis haben möchte, muss über seine Identität Aufschluss geben und darf dann hier arbeiten“, sagt der Sprecher.

Doch wenn er seinen Pass hat, kann er leichter abgeschoben werden – für die Behörden eine reine Ermessensentscheidung. Wie sich die Beamten positionieren, kann keiner vorhersehen. Für Abbasian eine Angstpartie. Aber wenn er hier bleiben will, kommt er nicht drum herum. „Das Risiko muss er leider eingehen, die Entscheidung kann ihm keiner abnehmen“, sagt sein Anwalt Tyll Mackenberg.

Ausnahmen von dieser gesetzlichen Regelung gibt es nicht. „Es gibt viele junge Leute im Landkreis, die tolle sportliche Leistungen zeigen. Das ist nicht unbedingt ein Zeichen guter Integration“, sagt Krümpelmann und signalisiert gleichzeitig, „dass wir Reza Abbasian wohl gesonnen sind.“

Auf Worte gibt der 20-Jährige nichts. „Ich befürchte, dass die sich um entscheiden, und ich dann zurück in den Iran muss.“ Sein unsicherer Status macht ihm unterdessen auch beim Deutschen Turnerbund (DTB) Schwierigkeiten. Eigentlich wollte er wie im vergangenen Jahr bei den deutschen Meisterschaften, die in Göppingen ausgerichtet werden, als Gastturner starten. Petra Schulz, ehrenamtliche Vorsitzende des Hamburger Verbandes für Turnen und Freizeit, hatte sich für ihn dort eingesetzt. „Die Funktionäre sagten mir, dass er die Zusage des iranischen Turnerverbands benötigen würde. Das war bisher nicht erforderlich“, sagt sie.

Auf Nachfrage des Abendblatts sagte DTB-Sprecher Torsten Hartmann: „Darauf könnten wir verzichten, wenn Reza Abbasian bei den Hamburger Landesmeisterschaften die erforderliche Wettkampfpunktzahl erreicht hätte. Hat er aber nicht.“ Wortlos zeigt Abbasian die Bescheinigung über seine Ergebnisse bei den diesjährigen Hamburger Meisterschaften Geräteturnen 2011. Er hat die Punktzahl sogar noch um einige Zähler überschritten. Damit konfrontiert äußerte sich der DTB auf einmal nicht mehr.

Reza Abbasian: „Auch wenn ich bei diesen Meisterschaften nur außer Konkurrenz hätte starten können, wäre es für mich wichtig gewesen, mich zu zeigen, unter anderem auch vor dem Bundestrainer.“ Der 20-Jährige atmet tief durch, geht zum Sprungbrett vor dem Kasten, nimmt Anlauf, springt ab, macht einen Salto rückwärts und landet sicher auf dem Boden.

Sein Trainer Edwin Palnau schaut nachdenklich zu. „Hoffentlich kann er sich seine Nervenstärke erhalten. Diese Leute da in den Ämtern und beim DTB, die wollen ihn kaputt machen.“

Quelle: Hamburger Abendblatt

2 Antworten to “Deutscher Amtsschimmel und menschliche Schicksale”

  1. Andreas Moser Says:

    Wer so etwas jahrelang durchsteht, hat schon allein dafuer die deutsche Staatsbuergerschaft verdient.


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