Protest gegen das iranische Regime bei Buchmesse

Nachfolgend die Rede von Matthias Küntzel während des Protests gegen das iranische Regime auf der Frankfurter Buchmesse:

Liebe Buchmessen-Besucher, sehr geehrte Damen und Herren,

kürzlich enthüllte der SPIEGEL, dass deutsche Firmen das iranische Atomwaffenprogramm unterstützen, indem sie HighTech-Produkte für die Plutoniumgewinnung illegal nach Teheran transferieren. Dieses Verhalten ist ohne Zweifel kriminell. Kriminell in einem allgemeineren Sinne verhält sich aber auch die Frankfurter Buchmesse GmbH, wenn sie die internationalen Versuche, das Teheraner Regime zu isolieren, unterläuft und ihm in diesem Jahr sogar noch mehr Platz einräumt, als im Jahr zuvor. Iran ist das Land mit der höchsten Quote inhaftierter Journalisten weltweit. Teheran verbietet Zeitungen, schließt Galerien, verhaftet Kritiker und lässt Künstler auspeitschen. Tausende Buchmanuskripte liegen im „Ministerium für Kultur und islamische Führung“ und scheitern an der Zensur. „Wir können den Buchmarkt nicht freigeben und damit zulassen, dass schädliche Bücher auf den Markt kommen“, erklärt Ali Khameini, der Führer des Regimes.

Dennoch dürfen in „Halle 5“ dieser Messe nicht nur systemkonforme Iran-Verlage wie der „Arischer Denker-Verlag“ oder die „Verlagsgemeinschaft ,Heilige Verteidigung‘“ – ihre Produkte vorführen. Zusätzlich ist hier die iranische Botschaft – das Spitzel- und Einschüchterungszentrum des Regimes in diesem Land – vertreten. Mehr noch: Diesmal ist – anders als noch vor einem Jahr – sogar das iranische Zensurregime mit einem Stand präsent, um seine antisemitischen Tiraden auch in Frankfurt unter die Leute zu bringen und für seine Terrorpolitik die Werbetrommel zu rühren – eine Politik, die dem Massenmörder Assad gegenwärtig nur deshalb zur Seite springen kann, weil sie sämtliche Freiheitsrechte der iranischen Bevölkerung mit Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Terrorurteilen und Polizeieinsätzen unterdrückt.

Die Buchmesse GmbH hat mir auf meine Frage, warum sie diesen Mördern und Zensoren eine Plattform gibt, geantwortet. Sie erklärte, sie wolle den „Aufbau freier Strukturen“ überall in der Welt unterstützen und wolle deshalb mit dem iranischen Regime – ich zitiere! – „unbedingt die Annäherung über einen nachhaltig angelegten Dialog“ praktizieren! Wie „nachhaltig“ ist denn dieser Dialog, den die Frankfurter Buchmesse mit Teheran betreibt? Was hat es denn genützt, dass Deutschland und die Buchmesse seit vielen Jahren als einziges Land der Europäischen Union regelmäßig an der Pseudo-Buchmesse in Teheran teilnimmt – der größten Ausstellung antisemitischer und den Holocaust leugnenden Bücher der Welt?

Frankfurts Alibi-Auftritte in Teheran haben in den letzten Jahren nur eines erreicht: Dass die Unterdrücker der iranischen Literatur immer aggressiver wurden und immer mehr Autorinnen und Autoren mit Publikationsverboten, Ausstellungsverboten, ja mit Gefängnis, Folter und Peitschenhieben überzogen wurden! Doch in diesem Jahr findet dieser „nachhaltige Dialog“ unter besonders perversen Bedingungen statt: Die Buchmesse AG ist darüber informiert, dass das iranische Regime den in Deutschland lebenden iranischen Dichter und Sänger Shahin Najafi mit dem Tode bedroht. Najafi ist in der iranischen Jugendszene populär, weil seine satirischen Texte dem Hass auf dieses Regime Ausdruck verleihen.

100.000 Dollar hat dieses Regime demjenigen versprochen, der den 31-jährigen Shahin Najafi in Deutschland oder anderswo ermordet. Seither stellen die Regime-Medien Fotos des Sängers ins Netz, auf denen sein Kopf in einem Fadenkreuz liegt oder Einschusslöcher aufweist. Es werden Demonstrationen für die Ermordung Shahins organisiert. In Deutschland sollen iranische Stellen das Todesdekret gezielt an hier lebende Iraner weitergeleitet haben. Kölner Islamisten prahlen auf Facebook damit, Shahin in Kürze aufzuspüren und abzustechen.

Und so sieht der „nachhaltige Dialog“ der Buchmesse GmbH aus: Eben diejenigen, die einen Dichter in Deutschland töten wollen, weil ihnen sein Gedicht nicht gefällt, werden von dieser Buchmesse in Frankfurt eingeladen und hofiert! Die Buchmesse suche mit einem Regime wie Iran „unbedingt die Annäherung“ – hatte deren Pressesprecherin Katja Böhne erklärt. Die Frage ist, wer sich hier wem annähern will. Tatsache ist, dass Shahin Najafi wie in Teheran so auch hier – auf der Buchmesse in Frankfurt – kein Gedicht vortragen kann. Tatsache ist, dass auf dieser Messe auch für den iranischen Dichter Mohammed Baharlo, der in Frankfurt im Exil lebt, weil seine Werke in Iran zensiert werden, kein Auftritt vorgesehen ist. Für den 10. bis 14. Oktober wird die Parole von der „Freiheit des Wortes“, die Messedirektor Jürgen Boos bei anderen Gelegenheiten gerne in den Mund nimmt, wie eine heiße Kartoffel ausgespuckt.

Wir könnten dies als provinziellen Irrsinn abtun – wäre da nicht die Tatsache, dass es sich um die größte Buchmesse der Welt handelte, die ausgerechnet im Oktober 2012 vor dem gefährlichsten Regime dieser Erde auf die Knie fällt. Die westliche Welt will schärfere Sanktionen, um Teheran unter Druck zu setzen, um das Regime solange zu isolieren, bis die Gefahr der iranischen Bombe und die Gefahr eines präventiven Krieges gebannt ist. Diese Buchmesse aber gibt sich alle Mühe, diese Isolationsstrategie zu durchkreuzen. Dem Regime wird signalisiert, dass es sich auf Deutschland als „Fünfte Kolonne“ innerhalb der westlichen Welt verlassen kann. Mit dieser Politik wird kein Dialog ermöglicht, sondern Krieg provoziert. Ich fordere die Verantwortlichen auf, den Vertretern des iranischen Terrorregimes auf dieser Buchmesse die rote Karte zu zeigen und stattdessen die Vertreter eines freien Iran – wie zum Beispiel Shahin Najafi und Mohammed Baharlo – auf die Bühne zu bitten.

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